Sławomir Górzyński ist ein polnischer Historiker, dessen Forschungen sich auf die gesellschaftlichen Eliten der ehemaligen polnisch-litauischen Adelsrepublik und der polnischen Länder im 19. und 20. Jahrhundert sowie auf Heraldik, Genealogie, Epigraphik und historische Erinnerung konzentrieren. Diese Bereiche stehen in seinen Arbeiten nicht nebeneinander, sondern werden durch das Interesse verbunden, Menschen und Gesellschaften anhand von Wappen, Genealogien, Amtsakten, Inschriften, Grabdenkmälern, Bildquellen, Erinnerungsorten und Archivalien zu rekonstruieren.
Von 1981 bis 1986 studierte er Geschichte an der Universität Warschau; seine Magisterarbeit entstand unter der Betreuung von Professor Aleksander Gieysztor. Von 1987 bis 1992 absolvierte er ein Doktorandenstudium am Institut für Geschichte der Polnischen Akademie der Wissenschaften. 2006 wurde er mit einer Arbeit über die polnische Aristokratie in Galizien promoviert, 2013 habilitierte er sich, und 2023 wurde ihm der Titel Professor der Geisteswissenschaften im Fach Geschichte verliehen.
Heraldik als Gesellschaftsgeschichte
Ein zentrales Forschungsgebiet bleibt die Heraldik, verstanden nicht als isolierte Zeichenkunde, sondern als Instrument zur Untersuchung gesellschaftlicher Strukturen, des Rechts, der Erinnerung und der Repräsentation von Personen und Familien. Seine Arbeiten umfassen Adels-, Staats-, Territorial- und Kommunalheraldik, die Heraldik von Nobilitierungen sowie die Funktion heraldischer Zeichen in unterschiedlichen politischen und rechtlichen Ordnungen.
Ein besonderer Schwerpunkt liegt auf Nobilitierungen in der Habsburgermonarchie, der polnischen Aristokratie in Galizien und der Anerkennung älterer Adelsrechte durch die Teilungsmächte. Daraus gingen u. a. Nobilitacje w Galicji w latach 1772–1918 und Arystokracja polska w Galicji. Studium heraldyczno-genealogiczne hervor; eine wesentlich erweiterte zweite Auflage des letzteren Werkes wird derzeit vorbereitet.
Adel, Grundbesitz und Amtsträger
Ein weiterer dauerhafter Schwerpunkt ist die Sozialgeschichte von Adel, Aristokratie und Landbesitzern. Seit den 1980er Jahren, besonders in Zusammenarbeit mit Professor Tadeusz Epsztein, arbeitet Górzyński an der Geschichte der polnischen Grundbesitzer des 20. Jahrhunderts, darunter an den mehrbändigen Reihen Spis ziemian Rzeczypospolitej Polskiej w roku 1930 und Ziemianie polscy XX wieku.
In dieselbe Forschungstradition gehört das gemeinsam mit Professor Krzysztof Mikulski vorbereitete Werk Urzędnicy mazowieccy ziemscy i grodzcy. Spisy, das klassische Quellenkritik mit der großflächigen Auswertung von Gerichtsbüchern und digitalen Werkzeugen verbindet.
Die Radziwiłł und die Eliten des Großfürstentums Litauen
Einen besonderen Platz nehmen die Forschungen zur Familie Radziwiłł und allgemein zu den Eliten des Großfürstentums Litauen ein. Dazu gehören eigene Studien, etwa über die Adelslegitimation der Radziwiłł in Galizien, ebenso wie die seit 2021 entwickelte Reihe Fasci Radzivilliani. Górzyński ist ihr wissenschaftlicher Herausgeber und Verfasser von Einleitungstexten. Zu seinen neuesten Arbeiten gehört auch eine Studie über die Inschrift auf dem Sarg des Fürsten Janusz Radziwiłł.
Epigraphik und Erinnerungsräume
Epigraphik begleitet seine wissenschaftliche Arbeit von Anfang an. Inschriften werden nicht nur als zu lesende und zu edierende Texte verstanden, sondern als komplexe historische Zeugnisse über Personen, Familien, sozialen Rang, Religiosität und die Konstruktion von Erinnerung. Zu den aktuellen Arbeiten gehören Studien zu Inschriften und heraldischen Programmen an den Toren von Krasiczyn, Łańcut und Nowy Wiśnicz sowie, gemeinsam mit Dr. Iwona Dacka-Górzyńska, ein Buch über die Warschauer Heilig-Kreuz-Kirche als Pantheon der Erinnerung.
Polen und Frankreich
Die Geschichte der Polen und des polnischen Kulturerbes in Frankreich bildet einen besonders beständigen Forschungsbereich. Arbeiten galten den Friedhöfen Montmartre, Saint-Vincent, Batignolles, Montrésor, Menton, Nizza und Montmorency. Ein zentrales laufendes Projekt untersucht Père-Lachaise als Pariser Pantheon der polnischen Emigration und bereitet zugleich eine Edition der polnischen Inschriften vor.
Der Frankreich-Schwerpunkt reicht zugleich in das 16. Jahrhundert zurück. Gemeinsam mit Professor Jakub Z. Lichański untersucht Górzyński das polnisch-französische politische und intellektuelle Projekt im Zusammenhang mit der Wahl Heinrichs von Valois zum König von Polen, insbesondere die Texte Forcadels, Baudouins und Jan Zamoyskis.
Verlagsarbeit, wissenschaftliches Engagement und Digital Humanities
1991 war er Mitbegründer des Wissenschaftsverlags Wydawnictwo DiG und wurde dessen Chefredakteur. Seit 2010 redigiert er das Jahrbuch der Polnischen Heraldischen Gesellschaft; außerdem betreut er den Rocznik Skierniewicki und die Reihe Fasci Radzivilliani. Editions- und Verlagsarbeit versteht er als Teil der historischen Forschung.
In den letzten Jahren gewinnen digitale Methoden zunehmend an Bedeutung: Wissenssysteme, digitale Quellenkorpora, genealogische Daten, Fotosammlungen, heraldische Daten und digitalisierte Gerichtsbücher. Technologie soll die Quelle nicht ersetzen, sondern Quellen so miteinander verbinden, dass neue historische Fragen möglich werden.
Der gemeinsame Nenner
Heraldik, Genealogie, Grundbesitz, die galizische Aristokratie, die Radziwiłł, polnische Friedhöfe in Frankreich, Inschriften, alte Wappenbücher und digitale Gerichtsbücher verbindet eine Frage: Wie lassen sich verstreute Zeugnisse zusammenführen, um Menschen, Familien und Gesellschaften sowie die Formen ihrer Erinnerung zu rekonstruieren?
Wissenschaftliche Mitgliedschaften: Gründungsmitglied der Polnischen Heraldischen Gesellschaft; Mitglied der Warschauer Wissenschaftlichen Gesellschaft (Abteilung II), der Internationalen Akademie für Genealogie, der Académie Internationale d’Héraldique, der Heraldisch-Genealogischen Gesellschaft ADLER in Wien sowie der Société française d’héraldique et de sigillographie (SFHS).